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Keynes, Krise und die Grenzen des Sozialstaats

  • Autorenbild: Ahmet S
    Ahmet S
  • 20. Juni 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Wirtschaftspolitik im 21. Jahrhundert: Warum die Qualität der Krise über die Strategie entscheidet

In der ökonomischen Theorie des 20. Jahrhunderts hat kaum ein Denker die Wirtschaftspolitik so nachhaltig geprägt wie John Maynard Keynes. Die Grundidee, dass in Zeiten konjunktureller Schwäche der Staat durch gezielte Ausgaben temporär in die Märkte eingreifen sollte, war revolutionär und ist bis heute Teil des Standardrepertoires politischer Entscheidungsträger. Doch diese Theorie funktioniert nicht unabhängig von Kontext und Struktur. Vielmehr hängt ihre Wirksamkeit davon ab, mit welcher Art Krise wir es zu tun haben.


Ein klassisches Beispiel für eine konjunkturelle Krise ist die Finanzkrise von 2008. Damals führte eine implodierende Kreditvergabe zu einem abrupten Nachfrageeinbruch in nahezu allen Volkswirtschaften der westlichen Welt. In solchen Situationen sind keynesianische Maßnahmen, öffentliche Investitionsprogramme, expansive Geldpolitik, Konjunkturpakete, nicht nur wirksam, sondern notwendig, um eine deflationäre Spirale zu verhindern. Der multiplikative Effekt öffentlicher Nachfrage stabilisiert das System und gewinnt Zeit für strukturelle Reformen.


Ganz anders stellt sich jedoch die Lage dar, wenn die Krise nicht nur zyklischer, sondern struktureller Natur ist. In vielen europäischen Ländern beobachten wir seit Jahren eine Erosion der Produktivitätsdynamik. Die Gründe dafür sind vielfältig: demografischer Wandel, Innovationsschwäche, Deindustrialisierung, inadäquate Bildungssysteme und ineffiziente Regulierung. Gleichzeitig geraten nationale Ökonomien durch den globalisierten Wettbewerb zunehmend unter Druck, insbesondere im technologischen und industriellen Bereich.


In einem solchen Umfeld stößt der klassische Wohlfahrtsstaat an seine systemischen Grenzen. Wenn Sozialausgaben steigen, weil strukturelle Arbeitslosigkeit zunimmt, und gleichzeitig die Steuerbasis schrumpft, entsteht ein gefährliches fiskalisches Spannungsfeld. Die politische Versuchung, durch Steuererhöhungen auf Kapital und Hochlohnsektoren gegenzusteuern, kann kontraproduktive Effekte erzeugen: Investitionsvermeidung, Kapitalflucht, Innovationsrückgang.


Die Lösung liegt in einer differenzierten Politikarchitektur. Während keynesianische Instrumente in Nachfrageschwächen weiterhin legitim und notwendig bleiben, müssen sie in strukturellen Krisensituationen mit angebotsseitigen Maßnahmen verbunden werden, ein Ansatz, den unter anderem die Chicago School formulierte. Diese Strategie setzt auf institutionelle Reformen, Steuervereinfachung, Deregulierung produktiver Sektoren, Anreize für Forschung und Entwicklung sowie Bildungsexzellenz.


Ein Land wie Deutschland, das in einer alternden Gesellschaft die Balance zwischen sozialer Absicherung und ökonomischer Erneuerung sucht, kann nicht dauerhaft auf hohe Transferleistungen bei gleichzeitigem Innovationsstillstand setzen. Die Gefahr besteht, dass der Sozialstaat nicht mehr als Mittel der Stabilisierung wirkt, sondern als Strukturkonservierer. Aus ökonomischer Sicht ist das langfristig nicht tragfähig.


Die zentrale Erkenntnis lautet daher: Keynes ist keine Ideologie, sondern ein Instrument. Und Instrumente müssen je nach Lage des Patienten angepasst werden. Politik darf nicht dogmatisch reagieren, sondern analytisch. Es geht nicht um das Ob staatlicher Intervention, sondern um das Wie und Wann. Nur wer Krise, Kontext und Kapazitäten richtig einordnet, wird zu einer Politik der Zukunftsfähigkeit gelangen.

 
 
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